Willkommen bei der reformierten Kirchgemeinde Zürich

Mit der Gründung der Kirchgemeinde Zürich auf den 1. Januar 2019 schliesst sich ein historischer Bogen: Vor genau 500 Jahren begann offiziell die Zürcher Reformation mit dem Amtsantritt von Huldrych Zwingli am Grossmünster anfangs 1519.

Handauflegen, Meditieren, Yoga – neue Formen von Verkündigung boomen.1717
ESOTERIK IN DER KIRCHE

Handauflegen, Meditieren, Yoga – neue Formen von Verkündigung boomen. Sie haben wenig bis nichts mit der reformatorischen Tradition vom Hören auf das Wort zu tun. Wie umgehen damit?

In der Citykirche Offener St. Jakob, der Kirche am Stauffacher, finden sich unzählige Möglichkeiten für Erfahrungshungrige: Meditationsnacht, Yoga, ekstatisches Tanzen – bis hin zum Handauflegen. Das sei keineswegs ein Widerspruch zur reformierten Tradition: «Das Händeauflegen ist eine alte christliche Praxis, die schon in der Urgemeinde praktiziert wurde», sagt der Pfarrer Patrick Schwarzenbach (Bild). Er erinnert an Heilungsgeschichten in der Bibel – im Neuen Testament zum Beispiel bei Lukas. Auch im Offenen St. Jakob hat das Händeauflegen eine langjährige Tradition: Seit 21 Jahren bieten dies Freiwillige an, derzeit unter der Leitung von Michael Schaar.

Patrick Schwarzenbach selbst experimentiert aber auch gern mit ganz neuen Formen von Verkündigung: «Es gibt immer wieder Gottesdienstformen, die den Körper miteinbeziehen und zur Versenkung anleiten – zum Beispiel Tanz oder Gesang als spirituelle Wege, oder Licht- und Musikinstallationen. » Daneben pflegten sie die Lectio Divina, eine Praxis der Schriftlesung, die dem Text nicht nur auf Augen- und Hirnhöhe begegne, sondern auch mit Bauch und Herz. Diese Formen kommen an, beobachtet der Pfarrer: «Es gibt einen gewissen Boom, wobei der Erfahrungsaspekt sehr wichtig ist. Sich etwas sagen lassen hat weniger Gewicht als selbst davon zu kosten.» Das Göttliche selbst erfahren, auch oder gerade mit dem Körper, durch bestimmte Praktiken.

Thomas Schlag, Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich und Leiter des Zentrums für Kirchenentwicklung, sagt: «Die reformierte Kirche hat die Körperlichkeit des Menschen vernachlässigt, da schadet es nicht, dies wieder stärker zu betonen.»

Haendeauflegen

Patrick Schwarzenbach

Ohne darüber jedoch das Wort, die biblischen Geschichten beiseite zu lassen: «In diesen Geschichten kommt oft auch der körperliche Aspekt der Gotteserfahrung vor – Moses etwa, der Gott im brennendem Dornbusch begegnet und seine Schuhe auszieht, weil er auf heiligem Boden steht.» Dadurch, dass die reformierten Kirchen nun dieses Bedürfnis nach Erfahrung aufgreifen, beobachtet der Professor eine Verschiebung: «Da geschieht ein Rücktransfer von Spiritualität, von Religiosität zurück in den Kirchenraum. Man will nicht einfach in einer Turnhalle meditieren oder irgendwo Yoga üben. Auch die Atmosphäre von Kirche macht viel mit einem.»

Doch warum finden diese Angebote einen so grossen Anklang, was ist an ihnen so besonders? Thomas Schlag meint: «Unsere Gesellschaft, unsere Kultur hat die Tradition des reinen Zuhörens verloren. Früher war das selbstverständlich einseitige Kommunikation pur, ein Mensch redet, die anderen hören zu. Doch heute sind wir so überflutet von Bildern und Tönen, da verzaubert das Wort allein nicht mehr einfach so.» Als Kirche müsse man sich dabei ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen: «Warum bieten wir etwa Yoga an – denn was unter der Flagge ‹reformiert› segelt, sollte auch an die reformierte Tradition angebunden sein», so Schlag. Im Falle vom Yoga könne das zum Beispiel die bewusste und ausdrückliche Erinnerung daran sein, dass der Mensch Geschöpf ist und damit in gut reformierter Tradition angenommen
und geliebt ist.

Patrick Schwarzenbach zieht als reformierter Pfarrer aber auch Grenzen, will nicht jedem esoterischen Angebot Platz bieten: «Wenn Abhängigkeiten entstehen, wenn es nur um die Vermehrung des Geldes geht, wenn ein spiritueller Weg sich als Gegensatz zur Welt und zur Politik versteht, und auch wenn die Qualität nicht stimmt.» Dabei sei das Doppelgebot der Liebe eine sinnvolle Richtschnur: Fördert eine Praxis den liebevollen Umgang mit sich selbst und anderen – und kann sie einen Raum eröffnen, in dem die göttliche Liebe wachsen kann?

Die reformierte Kirche am Stauffacher jedenfalls beantwortet die Frage in ihrem Angebot mit einem klaren Ja.

Willkommen bei der reformierten Kirchgemeinde Zürich

Mit der Gründung der Kirchgemeinde Zürich auf den 1. Januar 2019 schliesst sich ein historischer Bogen: Vor genau 500 Jahren begann offiziell die Zürcher Reformation mit dem Amtsantritt von Huldrych Zwingli am Grossmünster anfangs 1519.

ERSTE SITZUNG DES PARLAMENTS


Das Kirchgemeindeparlament der reformierten Kirchgemeinde Zürich hat am 27. März 2019 erstmals getagt.

GROSSMÜNSTER ZEIGT SEINE BIBEL- UND SCHRIFTENSAMMLUNG


Im Zürich des 16. Jahrhunderts wurde zum allerersten Mal die Bibel aus den Urtexten ins Deutsche übertragen – die erste protestantische Vollbibel erschien 1529. Im Rahmen des Zürcher Reformationsjubiläumsjahres wird die Schlüsselgeschichte der Reformation im öffentlichen Raum des Grossmünsters zum ersten Mal einsehbar, zusammen mit Streitschriften und Flugblättern.

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STREETCHURCH: NEUE PERSPEKTIVEN


Der eisige Wind pfeift durch die Langstrasse. Der pulsierende Schmelztiegel Zürichs  schläft auch im Winter nicht.