WAS BLEIBT, WENN ALLES ANDERS WIRD


Ich habe mir anfangs März dieses Jahres angewöhnt, einige Male pro Woche den Tag mit einem Morgensparziergang zu beginnen. Ich nenne es "leichtes Footing", weil das "englischer" tönt, und weil ich es meinem 19-jährigen Sohn besser als sportliche Leistung "verkaufen" kann. Ich lege ja tatsächlich kurze Phasen des "Vor-mich-hin-Trabens" ein, aber "Jogging" würde ich es nicht nennen wollen, denn richtig ins Schwitzen geraten will ich nicht. Dafür benutze ich leere Parkbänke und Eisengeländer für Dehnungsübungen, und die langen Stahlträger der grossen Pergola neben der Schiffswerft dienen mir als Reckstangen für das Dehnen der Schultern, bis sich leicht schmerzhafte, aber wärmenden Empfindungen einstellen.

Diese physischen Empfindungen lassen dann auch seelischen Schmerz auftauen: die Trauer darüber, dass wir Ostern so privat und isoliert feiern mussten wie noch nie in meinem ganzen Leben. Den Schmerz darüber, dass ich wunderbaren Menschen in den Seniorenheimen nicht physisch nahe sein kann, dass viele tröstende Worte via Telefon so schnell verhallt sind, dass ich Pflegende mit ihren Nöten und Fragen nicht besser spüren und belgeiten kann, dass die Tessin-Reise mit der fabelhaften Konfirmandengruppe nicht stattfinden darf.

Alles Wichtige scheint in diesem Jahr gänzlich anders zu sein als all die Jahre zuvor. Zum Glück wollen meine Füsse weitertraben, ich könnte mich sonst von der Traurigkeit glatt verschlingen lassen. Dann und wann begegnen mir andere Frühaufsteherinnen und wir tauschen anerkennende freundliche Blicke, oder sie überholen mich locker in federndem Schritt, und ich versuche, meinem mehr meditativen Tempo treu zu bleiben. Doch dann fällt mein Blick auf eine seltsam vertraute Szenerie: da steht er wieder, der grossflächige, zweistöckige Transportkarren, mitten auf der grossen Wiese neben dem Gemeinschaftszentrum, vollbepackt mit grossen Einkaufstaschen wie immer, und dahinter liegend jener namenlose Obdachlose, eingehüllt in Schichten von Lumpen und Kleidern, die ihn vor der Kälte schützen. Sein Anblick - und mehr noch der Anblick seines Karrens - löste bei mir bisher stets Unmut aus: Was nimmt sich der heraus, öffentlichen Raum so zu besetzen? Er kam mir vor wie ein grosser, schmutziger Schandfleck, der meine idyllische Sicht auf die Wiese und die prachtvollen Pappeln massiv störte.

Aber nun spüre ich, dass sich ganz andere Gefühle melden: Wenigstens der ist noch da, am alten Platz, in gewohnter Ordnung, wenigsten dieser Karren mit all den Einkaufstaschen bürgt noch für Verlässlichkeit und Kontinuität, hilft mir zu glauben, dass doch nicht alles auseinanderbricht, dass es trotz allem so etwas wie Beständigkeit gibt - und das erfüllt mich mit tiefem Trost. Welch ein Paradox!

Am liebsten würde ich hinlaufen, mich verneigen und rufen: "Danke, dass es Sie noch gibt! Wie wunderbar, auf solch überraschende Weise getröstet zu werden!" Der gute Mann aber schläft tief und fest, vergraben unter wärmenden Schichten von Lumpen. Ich will ihn nicht aus dem Schlaf reissen und trabe stattdessen weiter meines Weges. Aber mein Herz ist geläutert, voller Dankbarkeit und Trost. So will ich diesen Tag empfangen, mit allem, was er mit sich bringt.

Pfr. Jürg Baumgartner

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